Ornithologie
England-Zieher bleiben unter sich
Untersuchungen haben gezeigt, dass die in Großbritannien und Irland überwinternden Mönchsgrasmücken in Süddeutschland und Österreich brüten. Nach allem, was man bisher wusste, sollten die Vögel von dort aber eigentlich nach Spanien, Portugal oder Nordafrika ziehen. Was hatte sie bewogen, so unvermittelt auf die britischen Inseln „umzubuchen“?
An der Vogelwarte in Radolfzell sind Mönchsgrasmücken schon seit Jahrzehnten die bevorzugten Laborvögel. In langjährigen Untersuchungen konnten Peter Berthold und seine Mitarbeiter zeigen, dass der Vogelzug tatsächlich eine genetische Grundlage hat (siehe BIOMAX Ausgabe 14). Innerhalb einer Population von Zugvögeln streut die genetisch programmierte Zugrichtung immer um einen Mittelwert. Bei Mönchsgrasmücken treten gelegentlich Abweichungen von 30 bis 40 Grad auf – und so kann ein Vogel, der sich am nordwestlichen Rand dieses „Zugfächers“ bewegt, durchaus einmal nach Großbritannien gelangen. Wirklich neu ist dieses Ziel also wohl kaum. Allerdings muss es für die in Großbritannien und Irland überwinternden Vögel einen erheblichen Fitnessgewinn geben, damit die „England-Zieher“ in Konkurrenz mit ihren weiter südlich in Portugal und Spanien überwinternden Artgenossen erfolgreich mithalten können: Nur so lässt sich der enorme Anstieg der Population erklären.
Die Forscher spekulierten, dass die weitaus kürzere Zugstrecke für die Vögel Ressourcen schonender ist als der Weg von und nach Spanien. Darüber hinaus finden sich in Großbritannien besonders viele Vogelliebhaber, welche die Singvögel im Winter an den Futterhäuschen mit Nahrung versorgen. Ein weiterer entscheidender Selektionsfaktor sollte nach Ansicht der Max-Planck-Forscher aber der Zeitvorsprung der „England-Zieher“ sein: Die kürzeren Tage in Großbritannien bewirken – über lichtphysiologische Regelkreise –, dass die Zugaktivität und die Reifung der Keimdrüsen bei den Vögeln etwa zehn Tage früher erreicht wird als bei ihren im Süden überwinternden Artgenossen. Deshalb kommen die Mönchsgrasmücken aus den nördlicheren Breiten auch früher im Brutgebiet an und können die besten Brutplätze besetzen. Da zunächst ganz unter sich, dürften sie sich auch vorwiegend untereinander paaren. Das schließlich sollte ihren Bestand innerhalb der Gesamtpopulation rasch ansteigen lassen. Experimentelle Belege für diese Hypothese gab es bisher nicht.
Mittlerweile haben Wolfgang Fiedler und Peter Berthold mit ihren Kollegen von der Queen´s University in Belfast diese These anhand der Wasserstoff- und Kohlenstoff-Isotope in den Geweben von Zugvögeln überprüft. Der lokale Niederschlag weist nämlich ein spezifisches Isotopenmuster auf, das sich auch im Gewebe der Vögel wieder findet: So ist die Wasserstoffisotopen-Signatur bei Vögeln aus Großbritannien und Irland signifikant niedriger als bei jenen aus Spanien und Portugal. Die Forscher konnten daher davon ausgehen, dass die Isotopen-Signatur des Gewebes Rückschlüsse auf das Überwinterungsgebiet zulässt.
Im Sommer 2002 und 2003 untersuchten sie an acht verschiedenen Plätzen in Süddeutschland und Österreich brütende Mönchsgrasmücken. Die Vogelpärchen wurden, kurz nachdem sie ihr Brutterritorium eingenommen hatten, eingefangen. Analysiert wurden die Fußkrallen. Sie wachsen relativ langsam, die Krallenspitzen sind also erst im späten Winter aufgebaut worden und liefern somit einen Hinweis auf das Überwinterungsgebiet der Vögel. Die Isotopen-Signatur zeigte, dass sich Männchen aus Großbritannien und Irland 2,5-mal häufiger mit Weibchen zusammen fanden, die aus demselben Überwinterungsgebiet stammten, als es bei einer zufälligen Verteilung der Fall gewesen wäre. Die Weibchen produzierten größere Gelege und waren auch erfolgreicher bei der Brut als ihre Artgenossinnen aus dem Süden. Dieser Fitnessgewinn ist vermutlich ein Ergebnis der Qualität des Brutterritoriums: Da die frühzeitiger im Brutgebiet eintreffenden Vögel auch die besten Brutplätze besetzen können, verbessern sich in der Regel die Überlebensbedingungen für die brütenden und später fütternden Weibchen.
Langfristig könnten sich durch das Paarungsverhalten zwei verschiedene Arten aus den nach Norden und den nach Süden ziehenden Vögeln bilden. Die Forscher gehen nämlich davon aus, dass die Nachkommen von Hybridpaaren, bei denen ein Elternteil aus Spanien, der andere aus England stammt, einem negativen Selektionsdruck ausgesetzt sind: Zugrichtung und Zugdistanz sind bei ihnen ein Zwischenprodukt des genetischen Zugprogramms der Eltern und würde sie auf Flüge leiten, die in weniger geeigneten Winterquartieren enden und ihre Überlebenschancen somit deutlich senken.
Max-Planck-Gesellschaft, Dezember 2005